Es hätte so schön werden können
Ausschlafen, den Tag mit einem schönen Milchkaffee beginnen, die Wohnung in Ruhe auf Vordermann bringen und vielleicht sogar noch etwas für die Uni machen.
Aber nein, mein Prof hat mir vorhin einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Weil ich vor kurzem unvorsichtig erwähnte, dass ein Auto schon praktisch wäre, kam er auf die Idee, ich könne ja auch mal in seinem Auto fahren – ein fettes Audi Cabriolet – um Fahrpraxis zu bekommen. Das mag für Autofans vielleicht toll klingen, aber ich fahre nicht gerne große Autos und noch weniger fremde, große Autos und erst recht nicht fremde, große Autos, die meinem Vorgesetzten gehören! Für mich ist dieses wohl eigentlich nette Angebot also der reinste Horror. Natürlich habe ich das so nicht gesagt, sondern nur, dass ich im Auto meiner Mutter hin und wieder fahren würde und nicht so gern in fremden Autos fahren würde.
Heute sprach er mich also nochmal darauf an, ob ich nicht dieses Wochenende Zeit hätte, dann könnte ich mich schon mal an das Auto gewöhnen. Über Pfingsten fliegt er nämlich weg und dann könnte ich ihn zum Flughafen fahren. Nein, am Wochenende hätte ich keine Zeit. Dann morgen. Neun Uhr? Zehn Uhr? Elf Uhr? So könne ich nicht sagen, dass ich keine Wahl hätte. Zu dem Zeitpunkt habe ich schon kaum noch was gesagt, sondern nur noch rumgedruckst. Jeder Mensch, der auch nur ein bisschen aufmerksam ist, hätte in meinem Gesicht lesen können
ICH WILL NICHT!
und zwar in fetten Großbuchstaben. Ich sagte nur “Hm”. “Hm heißt ja, also morgen um 10.” Ich hätte fast angefangen zu heulen und ich kann nicht mal wirklich sagen, ob vor Wut oder Hilflosigkeit oder beidem zusammen.
Statt mir also morgen einen schönen Tag zu machen, darf ich Fahrübungen mit meinem Prof auf dem Beifahrersitz machen. Und danach könnte man ja noch nach Heidelberg fahren. Oder vielleicht lieber zur Nordsee? Nein, so spät würde ich dann doch nicht zu Hause sein wollen.
Der HORROR! Und das alles, damit ich ihn an einem weiteren Feiertag zum Flughafen fahren kann. Wohlgemerkt dürfte ich das Auto dann über die Pfingstferien behalten, was ich aber nicht will! Ich weiß das Vertrauen, das mir da entgegengebracht wird, zwar zu schätzen, aber ich will nicht die Verantwortung für ein so superteures Auto übernehmen, das ich nicht mal gern fahre. Selbst die Horrorgeschichten über Unfälle mit Fahrerflucht und zerkratzte Autos hier in der Gegend haben ihn nicht abgeschreckt.
Hab ich mich etwa verkauft? In meinem Arbeitsvertrag stand nichts davon, dass ich auch an Sonn- und Feiertagen arbeiten muss! Und so nett es vielleicht auch gemeint ist, das ist es für mich nun mal: Arbeit. Ich bin so sauer, vor allem auf mich, weil ich mich nicht traue, mein verdammtes Maul aufzumachen. Jetzt muss ich da durch…
Genießt den Tag morgen für mich mit, ja?


